Stoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen: Herkunft und Ursache

Stoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen: Herkunft und Ursache

Im zweiten von vier Teilen zu stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen werden die Herkunft und Ursache genauer betrachtet.

Teil 1: Symptome & Diagnose

Eine Abhängigkeitserkrankung wird auch heute noch oft als Schwäche verstanden. Dies ist jedoch nicht korrekt. Bei einer Abhängigkeitserkrankung handelt es sich um eine gelernte Reaktion des Gehirns in Verbindung mit verschiedenen Faktoren, die dieses Muster begünstigen.

Vom Erstgebrauch einer Substanz bis zur Abhängigkeitserkrankung durchläuft die betroffene Person verschiedene Stadien. Wenn es zu einer stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankung kommt, fragen sich die betroffenen Personen oftmals, wieso genau sie davon betroffen sind. Dafür gibt es eine Vielzahl an Ursachen. Dabei spielen sowohl psychische wie auch biologische und soziale Faktoren eine Rolle.

Stadien einer stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankung
Eine Abhängigkeitserkrankung kann in 4 Stadien unterteilt werden.

  • Probierphase: Die jeweilige Substanz wird, meist angetrieben von Neugier, kennengelernt.

  • Missbrauchsphase: In dieser Phase kommt es zu einem übermässigen Konsum der Substanz. Es können schon erste körperliche und psycho-soziale Schäden auftreten.

  • Gewöhnungsphase: Bei regelmässigem Konsum gewöhnen sich sowohl der Körper als auch die Psyche an die Substanz. Es hat sich eine Toleranz gebildet und als Folge davon muss mehr konsumiert werden, um dieselbe Wirkung zu erzielen.

  • Psychische und/oder körperliche Abhängigkeit: Inzwischen dreht sich das ganze Leben der betroffenen Person um die Substanz. Die Sozialkontakte leiden unter der Sucht und auch die Arbeitsleistung wird oftmals beeinträchtigt. Der Konsum steht an erster Stelle und es ist sehr schwer für die betroffene Person, davon loszukommen.

Psychische Faktoren
Prädisponierende psychische Faktoren lassen sich in der betroffenen Person selbst nahezu immer finden. So verfügt die Person eventuell über ungenügende Stressbewältigungsstrategien, welche sie mit dem Substanzkonsum zu kompensieren versucht. Auch eine geringe Konfliktfähigkeit, schwaches Selbstwertgefühl oder die bisherige Lebensgeschichte können eine Ursache dafür sein.

Oftmals haben betroffene Personen bereits mit psychischen Belastungen oder psychischen Störungen zu kämpfen, wie Depressionen, Ängsten oder traumatischen Erlebnissen. Es kann auch vorkommen, dass der Substanzgebrauch als Selbstmedikation eingesetzt wird, um die negativen Gefühle oder schmerzhaften Erinnerungen, die mit solchen Belastungen einhergehen, zu bewältigen.

Bisher konnten keine Persönlichkeitsmerkmale mit Abhängigkeitserkrankungen in Verbindung gebracht werden. Einzig eine dissoziale Persönlichkeitsstörung wird mit erhöhtem Risiko für das Entstehen einer Abhängigkeitserkrankung in Zusammenhang gebracht.

Biologische Faktoren
Der Konsum von Substanzen, die zu einer Abhängigkeitserkrankung führen können, kann auf das Gehirn einen prägenden Einfluss haben. So findet ein grosser Teil der Abhängigkeitserkrankung im Gehirn als eine gelernte Reaktion statt. Der Konsum führt zu einer erhöhten Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin, der unter anderem für das Wohlbefinden zuständig ist. Die betroffene Person erlebt dadurch einen Belohnungseffekt. So werden der betroffenen Person positive Gefühle vermittelt, die mit dem Konsum in Zusammenhang gebracht werden. Entsprechend antizipiert die betroffene Person wieder positive Gefühle beim nächsten Konsum. Es findet eine Verstärkung des Konsumverhaltens statt. Gewisse Umweltreize, die vermehrt gemeinsam mit dem Konsum auftreten, werden zunehmend ebenfalls mit positiven Gefühlen durch Konsum in Verbindung gebracht. So können auf die Dauer auch diese Umweltreize ein Verlangen nach der Substanz hervorrufen. Dieser Prozess nennt sich Konditionierung.

Das heisst, das Verlangen nach der Substanz wird von zunehmend mehr Reizen ausgelöst. So kann es einerseits eine bestimmte Situation oder Umgebung sein. Andererseits auch das Abnehmen der positiven Gefühle, welche durch den Konsum ausgelöst wurden oder gar durch Entzugssymtome. Dafür verantwortlich sind auch körperliche Faktoren. So reagiert der Körper auf vermehrten Konsum mit einem beschleunigten Abbau der Substanz und Anpassungen im Nervensystem. Das führt dazu, dass die Wirkung des Konsums schneller nachlässt und die Konsummenge erhöht werden muss, um den gewünschten Zustand zu erreichen.

Ausserdem spielen auch genetische Faktoren eine Rolle. Erwiesenermassen kommen Abhängigkeitserkrankungen gehäuft in Familien vor. Eine Anfälligkeit für Abhängigkeitserkrankungen kann vererbt werden.

Soziale Faktoren
Soziale Faktoren, sogenannte Umweltfaktoren, können im Umfeld der betroffenen Person ausgemacht werden. Eine Belastung kann z.B. aus schwierigen familiären Verhältnissen resultieren. Es gibt jedoch auch Faktoren, die einen Konsum begünstigen, wie die gesellschaftliche Akzeptanz des Alkohol- und Nikotinkonsums. Auch durch den Arzt verschriebene Medikamente oder Werbung stellen begünstigenden Faktoren dar.

Das familiäre Umfeld kann das Entstehen einer Abhängigkeitserkrankung insofern begünstigen, dass den Kindern ein Vorbild durch die Eltern fehlen kann oder schlechte Bewältigungsstrategien vermittelt werden. Wenn die Kinder zum Beispiel bei den Eltern beobachten, dass emotionaler Stress mit Substanzkonsum bekämpft wird, ist es wahrscheinlich, dass sie später ebenfalls auf den Substanzkonsum zurückgreifen, um ihre eigenen Probleme zu bewältigen. Aber auch mangelnde Fürsorge, Missbrauch und Gewalt innerhalb der Familie können später zu der Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung beitragen.

Die Verfügbarkeit stellt einen weiteren sozialen Faktor statt. Abhängigkeitserkrankungen treten in allen sozialen Schichten gleichhäufig auf. Jedoch kommen Kinder in der Sekundarschule häufig schon früher in Berührung mit illegalen Substanzen als Kinder im Gymnasium. Auch sind in städtischen Gebieten Substanzen mit Abhängigkeitsgefahr einfacher zu beschaffen als in ländlichen Gebieten. Die Verfügbarkeit spielt eine wichtige Rolle für Erstgebrauch und weiterem Konsum.

Bei Jugendlichen führt oftmals Gruppendruck zum Erstgebrauch. Wird das Konsumverhalten in der Gruppe verstärkt, etwa durch Anerkennung oder gegenseitiges Anstacheln, so nimmt es immer mehr zu.

Teil 3: Therapie und Behandlungsmöglichkeiten

Teil 4: Die Geschichte eines Patienten

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