Angehörige psychisch kranker Menschen: eine Mutter erzählt

Angehörige psychisch kranker Menschen: eine Mutter erzählt

«Mein Sohn hat ADS. Er hat Depressionen und Angstzustände, ist seit Jahren in einem Substitutionsprogramm und hat auch immer wieder zusätzlich Drogen konsumiert. Er ist jetzt Mitte dreissig, und wir leben seit Jahrzehnten mit seiner Krankheit.» Eine Mutter erzählt ihre Geschichte.

«Die letzten Wochen war mein Sohn im «Schlössli» in Oetwil, das erste Mal. Jetzt ist er in einer betreuten Wohnform. Er arbeitet halbtags im zweiten Arbeitsmarkt. Immer wieder hat er in den vergangenen Jahrzehnten mit mir zusammengewohnt. Da ich nun in einem gewissen Alter bin, aber auch, um mich zu entlasten, ist es mir ein grosses Anliegen, dass gewisse Dinge wie Wohnen oder Finanzen unabhängig von mir organisiert sind. Deshalb hat er auch eine Beistandschaft und lebt jetzt in einer Wohnform mit Betreuung.

So eine Krankheit ist auch für die Angehörigen unendlich belastend. Man muss sich bewusst sein, dass diese Krankheitsbilder chronisch sind. Es wird über Jahrzehnte oder über das ganze Leben weitergehen. Es hilft ein bisschen, wenn der Freundeskreis und die Familie Bescheid wissen, man alles auf den Tisch legt und nichts zu verstecken versucht. Man kann dann auf mehr Verständnis hoffen, und andere Menschen können auch besser mit dem Betroffenen umgehen. Ich habe selber über all die Jahre aber auch mehrmals therapeutische Unterstützung gesucht. Man kann so etwas nicht über Jahrzehnte einfach wegstecken oder alleine tragen. Man sollte sich bewusst sein, dass man andere auch besser unterstützen kann, wenn es einem selber nicht zu schlecht geht. Man muss sich unbedingt Sorge tragen. Vielleicht hat es mir geholfen, dass ich selber im Gesundheitswesen arbeitete. Vielleicht konnte ich besser damit umgehen als andere.

Wenn man als angehörige Person Unterstützung braucht, muss man sie sich unbedingt holen. Das passiert nicht automatisch. Das «Schlössli» ist die erste Klinik, die auf mich zugekommen ist, die Angehörigenberater haben mir einen Brief geschickt. Ich habe mich immer sehr allein gefühlt mit der Krankheit meines Sohnes und habe darum das Angebot gerne angenommen. Leider war wegen des Coronavirus kein persönliches Gespräch möglich, aber wir hatten Mailverkehr. Da und in einem Gespräch mit der behandelnden Psychologin habe ich zum Beispiel Details über die leistungssensible Suchttherapie erfahren. Diese scheint mir ein sehr guter Weg. Zu verstehen, dass es für einen Süchtigen ein täglicher Kampf ist, nichts einzunehmen, hilft im Umgang.  Dieser Therapieansatz hilft den Süchtigen, stolz zu sein, wenn sie das schaffen. Was mir leider gefehlt hat: Die Klinik hat diese Therapie angefangen, konnte meinem Sohn aber leider keine Unterstützung geben auf der Suche nach einem weiterführenden Angebot gleicher Art. Es wäre entlastend, wenn sich die Anbietenden besser vernetzen würden.

Der Einbezug der Angehörigen, soweit ein Patient das erlaubt und möchte, ist sehr wichtig und muss gestärkt werden. Ich möchte alle Betroffenen ermuntern, das Angebot dieser Klinik auch zu nutzen. Es mag schwerfallen, über solche Dinge offen zu reden, aber es ist schlussendlich eine Entlastung. Das Coronavirus hat das jetzt noch erschwert, was sehr schade ist. Aber sonst finde ich dieses Angebot vom «Schlössli» sehr nachahmenswert. Auch mein Sohn sagt, er habe von der Zeit im «Schlössli» bisher am meisten profitiert.»

Teil 1: Angehörige psychisch kranker Menschen: Sie spielen eine wichtige Rolle

Teil 2: Die Arbeit mit Angehörigen unterstützungsbedürftiger Personen

Teil 3: Unsere Angebote für Angehörige

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