Enuresis und Enkopresis: Ursachen

Im ersten von vier Teilen zum Thema Enuresis (Einnässen) und Enkopresis (Einkoten) wurden die Symptome und Diagnosen der verschiedenen Formen beschrieben. Nun im zweiten Teil folgen die möglichen Ursachen der jeweiligen Enuresis- oder Enkopresis-Form.

Enuresis
Wie in Teil 1: Symptome und Diagnose beschrieben, müssen für die Diagnose einer Enuresis andere (vor allem organische) Ursachen ausgeschlossen werden. Organische Ursachen, die ausgeschlossen werden müssen, werden im Folgenden beschrieben:

Organische Harninkontinenz
Die Ursache einer organischen Harninkontinenz ist oftmals eine Fehlbildung des Harntraktes oder eine Schädigung im Bereich des zentralen Nervensystems oder des Rückenmarks. Eine organische Harninkontinenz tritt häufig auf, wenn die betroffene Person an einer Fehlbildung der Niere leidet (z.B. Doppelnieren).

Aber auch Entzündungen, multiple Sklerose, Tumore oder Traumata können zu einer Harninkontinenz führen. Die organische Harninkontinenz ist bei Kindern und Jugendlichen jedoch nur selten die Ursache für das Einnässen.

Können organische Ursachen für eine Harninkontinenz ausgeschlossen werden, wird eine nicht-organische  (funktionelle ) Harninkontinenz diagnostiziert. Hier unterscheidet man zwischen drei Formen:

Monosymptomatische Enuresis nocturna
Unter monosymptomatische Enuresis versteht man die Form des Einnässens, bei der keine Blasendysfunktion vorliegt. Sowohl die Füllungs- als auch Entleerungsphase der Blase ist normal. Trotzdem kommt es in der Nacht zu einer ungewollten, meist vollständigen Entleerung der Blase. Tagsüber treten keinerlei Symptome auf.

Dabei sind Jungen etwas häufiger betroffen als Mädchen. Die Ursache der monosymptomatischen Enuresis ist noch nicht eindeutig geklärt. Jedoch konnten verschiedene Risikofaktoren identifiziert werden. Zum Beispiel scheint es bei dieser Form der Enuresis eine genetische Häufung zu geben. Hat ein Elternteil eingenässt, ist das Risiko, dass das Kind auch einnässt bei 44%. Haben beide Elternteile eingenässt, liegt das Wiederholungsrisiko sogar bei 77%.

Auf dieser genetischen Grundlage zeigen Betroffene einer monosymptomatischen Enuresis verschiedene Reifungsstörungen des zentralen Nervensystems: u.a. bspw. eine erschwerte Erweckbarkeit und/oder Polyurie (die nächtliche Urinproduktion überschreitet die Blasenkapazität).

Nicht-monosymptomatische Enuresis nocturna
Die nicht-monosymptomatische Form der Enuresis ist gekennzeichnet durch eine zusätzlich Blasendysfunktion am Tag ohne dass tagsüber zwingend ein Einnässen auftritt. Diese nicht-organische Blasendysfunktion ist dabei die alleinige Ursache des nächtlichen Einnässens, oder ursächlich verantwortlich in Kombination mit einer genetisch bedingten Reifungsstörung des zentralen Nervensystems. Die vier wichtigsten Formen der Blasenfunktionsstörung sind, wie bereits in Teil 1: Symptome und Diagnose beschrieben, die überaktive Harnblase (sog. Dranginkontinenz), der wiederholte Miktionsaufschub, eine dyskoordinierte Miktion die unteraktive Blase.

Funktionelle Harninkontinenz (Einnässen am Tag)
Die Harninkontinenz bei funktioneller Blasendysfunktion ist Ausdruck einer Harnspeicher- oder Harnentleerungsstörung. Klinisch finden sich bei einer Harnspeicherstörung imperativer Harndrang, Haltemanöver bei Harndrang und Abweichungen der Miktionsfrequenz und des maximalen ausgeschiedenen Volumens von der Norm. Symptome einer Harnentleerungsstörung sind verzögertes Ingangkommen der Miktion, Miktion mit Bauchpresse, abgeschwächter Harnstrahl, „stotternde („Stakkato“-) Miktion und unterbrochene Miktion.

Bei Kindern mit einem imperativem Harndrang (overactive bladder OAB) wird als Ursache eine gestörte Wahrnehmung für den Füllungszustand der Blase diskutiert, daneben leiden diese Kinder häufig an rezidivierenden mitunter asymptomatischen Harnwegsinfekten. Zusätzlich findet sich oftmals eine komorbid vorliegende Obstipation und Stuhlretention, die dann mechanisch auf die Blasenwand drückt.

Beim Vorliegen einer Blasendysfunktion in Form eines Miktionsaufschubs erleben die Kinder den Toilettengang als “lästig”, da sie bpsw. Angst haben etwas zu verpassen. Komorbid zeigt sich bei diesen Kindern oft eine Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten. Bei der dyskoordinierten Miktion ist die Pathogenese unklar, es wird eine Reifungsstörung diskutiert sowie ein erlerntes Fehlverhalten (Kontraktion des Beckenbodens während der Entleerung).

Enkopresis
Die Ätiologie (Ursache) ist weitestgehend ungeklärt. Eine Enkopresis kann verschiedene Ursachen haben, welche häufig auch in Kombination auftreten. Wie bei der Enuresis findet sich auch bei der Enkopresis eine genetische Veranlagung: Haben bereits die Eltern unter Problemen mit dem Einkoten gelitten, so sind auch deren Kinder häufiger davon betroffen.

Bei der Enkopresis unterscheidet man zwischen einer Enkopresis mit oder ohne Obstipation (Verstopfung).Insbesondere bei ersterer Variante wird ursächlich eher ein genetischer Hintergrund vermutet. Bei der Verlaufsform ohne Obstipation eher eine Reaktion auf Umweltbedingungen.

Retentive Enkopresis (Obstipation) Eine angeborene Obstipationsneigung führt zur Ansammlung von harten Stuhlmassen im Dickdarm. Diese Form macht bis zu 85% aller Enkopresis-Fälle aus und agiert in einem Teufelskreis. Zu Beginn leidet das Kind an einer langandauernden Verstopfung (auch Obstipation genannt). Dabei sammeln sich grosse Mengen an Kot im Endbereich des Darms an. Kommt es anschliessend zu einer Entleerung des Darms, wird diese aufgrund der grossen Menge und harten Konsistenz des Kots als besonders schmerzhaft empfunden. In der Folge hält das betroffene Kind aus Angst vor dem Schmerz den Stuhlgang zurück. Es kommt somit wieder zu einer Verstopfung. In Weiteren entsteht nun eine Dehnung der Darmwand analog eines verstopften Gartenschlauchs, was wiederum in der Darmwand selbst zu einer reduzierten Sensibilität und Peristaltik führt. Letztlich mündet dies dann in einer sogenannten “Überlaufenkopresis”.  Das bedeutet, dass sich neuer Stuhl hinter einem harten Stuhlballen (= Propf im Gartenschlauch) vorbeiquetscht und sich als flüssiger/gequetschter Stuhl (Durchfall ähnlich, Stuhlschmieren)dann in kleinen Portionen absetzt. Das Kind registriert den Stuhlabgang nicht, da die gedehnte Darmwand diese Füllung “übersieht” und somit auch nicht an die Steuerzentrale im Kopf weiterleitet.

Nicht-retentive Enkopresis
Für das Einkoten können auch psychische Probleme die Ursache sein. Ebenso wie eine Vernachlässigung des Kindes. Oft führen starke innere Spannungen, emotionale Belastungen des Patienten bspw. bedingt durch Veränderungen/Trennung der Eltern/Geschwisterrivalität dazu, dass sich die Kinder einkoten.

Im dritten von vier Teilen werden die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten einer Enuresis und Enkopresis beschrieben.

Teil 1: Symptome und Diagnosen

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