Kinder als Angehörige: psychische Folgen

Kinder als Angehörige: psychische Folgen

Im zweiten Beitrag zum Thema "Kinder als Angehörige" werden die psychischen Folgen beleuchtet.

Teil 1: Versorgungssituation

Eltern haben die Aufgabe, die Bedürfnisse ihrer Kinder angemessen zu stillen. Erkrankt ein Elternteil an einer psychischen Störung, wird die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Kinder häufig gefährdet. Zudem werden Kinder psychisch kranker Eltern mit höherer Wahrscheinlichkeit Opfer von Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch. Und sie kämpfen oft mit Gefühlen von Traurigkeit, Schuld oder Scham. Diese Umstände erhöhen das Risiko deutlich, dass die Kinder selbst an einer psychischen Störung erkranken.

Zusätzliche Belastungen
Die psychische Erkrankung eines Elternteils belastet die ganze Familie. Häufig kommen psychosoziale Belastungsfaktoren wie zum Beispiel finanzielle Schwierigkeiten oder alleiniges Sorgerecht hinzu. Die psychische Erkrankung des Elternteils sowie diese zusätzlichen Faktoren lösen bei Kindern Einsamkeit, Schamgefühle und Schuldgefühle aus. Es kann zu einer Umkehrung der Eltern-Kind-Rolle kommen: Die Kinder beginnen, den Haushalt zu führen und die Fürsorge für Eltern und Geschwister zu übernehmen.

Die verschiedenen Bedürfnisse und ihre Gefährdung
Die Betreuung von Kindern muss eine Vielzahl von Bedürfnissen erfüllen; zum Beispiel: Ernährung und Versorgung, Hygiene und Gesundheitsversorgung, Förderung der körperlichen und psychischen Entwicklung, Sicherheit und Schutz vor Gefahren. Sind diese Bedürfnisse erfüllt, dann fühlt sich das Kind wohl und entwickelt sich positiv.

Situationen, welche die Erfüllung dieser Bedürfnisse erschweren, gefährden die gesunde Entwicklung der Kinder und können schwerwiegende Folgen haben.

Durch die psychische Erkrankung der Eltern kann es zu Fehl- oder Mangelernährung sowie unzureichender Hygiene der Kinder kommen. Die Kinder leiden unter Hunger, einseitiger Kost und Mangel- oder Fehlernährungs-Folgen, übertragbaren Erkrankungen oder unzureichender medizinischer Behandlung.

Mangelnde Sicherheit und Schutz vor Gefahren äussern sich z. B. durch unerklärliche Verletzungen, mangelnde Gesundheitsvorsorge sowie unzureichenden Schutz vor Drogen und anderen Suchtstoffen. Auch mangelnde Aufsicht und Betreuung kann häufige, stark unvorhersehbare und unbeeinflussbare negative Folgen haben.

Das Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung in stabilen sozialen Beziehungen wird durch eine Unstetigkeit oder Unterbrechung der Lebensbedingungen gefährdet. Dies können beispielsweise häufiger Wechsel der Bezugsperson, Feindseligkeit und Ablehnung im Kontakt oder Gleichgültigkeit und Desinteresse der Bezugsperson sein, wie auch Instrumentalisierung für Interessen der Erwachsenen, Belastung durch Konflikte anderer und unnötige emotionale Konflikte, bis hin zu Misshandlung und Missbrauch.

Das Bedürfnis nach einer sicheren Bindung wird durch instabile emotionale Bindungen, Mangel an feinfühliger Erziehung und Empathie sowie Trennungsangst gefährdet.

Ein weiteres Bedürfnis stellt die Bildung, beziehungsweise die Vermittlung von Wissen und Erfahrung dar. Kinder psychisch kranker Eltern sind häufig in der Schule demotiviert, werden zu wenig gefördert und angeregt und stossen auf Unverständnis für ihre schulische Situation.

Kinder haben auch das Bedürfnis nach gleichwertigem Kontakt zu beiden Elternteilen. Dies wird gefährdet, wenn ein Elternteil den Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil in Frage stellt, unterläuft oder sogar verweigert, eine fehlende Fähigkeit und Bereitschaft zur Kooperation und Kommunikation zwischen den Eltern vorliegt und ganz besonders, wenn es zu einer Trennung zwischen den Elternteilen kommt.

Psychische Folgen
Etwa jedes fünfte Kind hat einen psychisch erkrankten Elternteil. Nicht jedes dieser Kinder erkrankt selbst an einer psychischen Störung. Doch nur etwa ein Drittel der betroffenen Kinder wird längerfristig nicht durch die Erkrankung des Elternteils beeinträchtigt. Ein Drittel der betroffenen Kinder wird immer wieder mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, und ein weiteres Drittel erkrankt selbst dauerhaft an einer psychischen Störung. Das Risiko, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, ist für Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil drei- bis siebenmal höher als für andere Kinder.

Entsprechend kommt dem Thema eine grosse Bedeutung zu. Während die Behandlung des Elternteils den primären Fokus erhält, ist es wichtig, sich begleitend mit der Beeinträchtigung der Kinder zu befassen und diese vor den Auswirkungen zu schützen oder individuell zu entlasten bzw. zu fördern. Dabei sollten die massgeblichen Faktoren für die Entstehung einer psychischen Störung bei den Kindern wie eine nicht altersgerechte Versorgungssituation, unzureichende Fürsorge durch die Eltern, mangelnde Befriedigung der Bedürfnisse, eine genetische Disposition sowie ein problematischer Umgang mit Gefühlen von Traurigkeit, Schuld und Scham im Brennpunkt der Aufmerksamkeit stehen.

Teil 3: Schutzfaktoren

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