Kinder als Angehörige: Schutzfaktoren

Der dritte Beitrag dreht sich darum, welche Schutzfaktoren für Kinder psychisch erkrankter Eltern wichtig sind.

Teil 1: Versorgungssituation

Teil 2: Psychische Folgen

Eine Familie stellt, ähnlich einem Mobile, ein System dar, in dem die verschiedenen Mitglieder sich gegenseitig beeinflussen. Erkrankt ein Elternteil an einer psychischen Störung, beeinflusst dies unwillkürlich auch die Kinder. Dieser Einfluss ist, je nach Abhängigkeit des Kindes vom betroffenen Elternteil, stärker oder schwächer. Bei der Behandlung psychisch kranker Eltern gilt es deshalb, das Augenmerk besonders auf die familiäre Situation einschliesslich der Bedürfnisse der Kinder zu richten. Diese Bedürfnisse fallen je nach Alter und Entwicklungsstand individuell unterschiedlich aus. Verschiedene Schutzfaktoren unterstützen das Kind bei einer gesunden Entwicklung.

Schutzfaktoren im Kind selbst
Das Kind selbst verfügt über verschieden gut entwickelte Schutzfaktoren. Dazu zählen zum Beispiel eine robuste Konstitution, also eine gute körperliche Verfassung, ein gesundes Immunsystem und ein kräftiger Körperbau. Ein ausgeglichenes Temperament kann insofern unterstützend wirken, als das Kind seine Emotionen erfolgreich regulieren kann und ausserhalb der familiären Situation weniger belastende Situationen erlebt. Die Intelligenz des Kindes kann einen Schutzfaktor darstellen, da sie es dem betroffenen Kind erleichtert, die Situation zu verstehen und Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Zuletzt ist auch eine Begabung in einem bestimmten Bereich, z.B. ein Hobby oder Sport, als Schutzfaktor zu sehen. Das Kind verfügt dadurch über gute Fähigkeiten und einen Bereich im Leben, den es als erfolgreich und erfüllend erlebt.

Information des Kindes ist ein Schutzfaktor
Kinder spüren, wenn es ihren Eltern nicht gut geht, selbst wenn diese sich bemühen, ihre Probleme vor dem Kind zu verbergen und es zu schützen versuchen. Das Kind erlangt den Eindruck, es handle sich um ein Geheimnis, worüber nicht gesprochen werden darf. Entgegen der Absicht der Eltern belastet dies die Kinder stärker, als wenn das Problem offen angesprochen wird. Es hilft dem Kind, wenn die Familie altersgerecht mit ihm über Probleme spricht. Unsicherheiten und Ängste können so reduziert oder vermieden werden. Dies gilt für Kinder jeden Alters. Durch eine offene und ehrliche Kommunikation kann das Kind die Situation besser einordnen und sorgt sich weniger um den Elternteil. Zudem ist die Gefahr kleiner, dass das Kind die Schuld bei sich sucht.

Für viele betroffenen Eltern ist es schwierig, über die Krankheit zu sprechen. Eine Voraussetzung für ein offenes Gespräch ist, dass der betroffene Elternteil in der Lage ist, seine Gefühle und seinen Zustand in Worte zu fassen. Dies kann insbesondere durch die Erkrankung erschwert werden. Falls dem so sein sollte, kann das Gespräch auch gemeinsam mit einer Vertrauensperson oder allein durch eine andere Bezugsperson geführt werden.

Zu Gesprächsbeginn kann offen angesprochen werden, dass es einem Elternteil nicht gut geht und dass das Kind dies eventuell auch schon selbst gespürt hat. Die Erkrankung kann mit einer schlimmen Erkältung oder einem Beinbruch verglichen werden. Im Gegensatz dazu handelt es sich jedoch weniger um eine körperliche Erkrankung, sondern vielmehr um eine Erkrankung, welche die Gedanken und Gefühle durcheinander bringt. Dem Kind kann erklärt werden, dass psychische Erkrankungen sehr häufig vorkommen und jeden treffen können. Allerdings gibt es gute Behandlungen, und die meisten Menschen werden wieder gesund. Das Kind kann direkt gefragt werden, welche Veränderungen ihm aufgefallen sind. Dies gibt Hinweise auf noch offene Fragen und Bereiche, in denen das Kind Unterstützung benötigt. Es ist wichtig, dem Kind zu erklären, dass die Krankheit sich im Familienalltag zeigt, das Kind jedoch keine Schuld daran trägt. Zudem sollte betont werden, dass das Kind die Krankheit nicht mit seinem Verhalten beeinflussen kann. Letztendlich ist es hilfreich, dem Kind aufzuzeigen, welche Unterstützungsmassnahmen bereits getroffen wurden und wie die Situation verbessert werden soll. Zur Unterstützung bei einem Gespräch gibt es diverse Kinderbücher, die verschiedene psychische Erkrankungen altersgerecht erklären.

Im Gespräch sollten die Fragen, Bedürfnisse und Gefühle des Kindes im Zentrum stehen. Auch wenn das Kind nicht so reagiert, wie es für den Elternteil wünschenswert wäre, ist es wichtig, die Reaktion anzunehmen, zu akzeptieren und aufzufangen.

Soziale Unterstützung des Kindes als Schutzfaktor
Für Kinder von Eltern, die an einer psychischen Erkrankung leiden, ist es wichtig, mindestens eine stabile Bezugsperson zu haben. Dies muss nicht unbedingt eine Person aus dem familiären Rahmen sein, sondern kann beispielsweise auch eine Lehrperson, ein Nachbar oder guter Bekannter der Familie sein. Wichtig ist, dass das Kind jemanden gut erreichen und sich dieser Person anvertrauen kann.

Im familiären Rahmen ist der gesunde Elternteil häufig eine grosse Unterstützung für die Kinder. Doch auch Geschwistern kommt eine wichtige Rolle zu. Besonders ältere Geschwister geben Sicherheit in der schwierigen familiären Situation. Im schulischen Kontext sind Schulkameraden und Lehrpersonen wichtige soziale Kontakte, die bei der Verarbeitung der Situation helfen können. Dies gilt auch für gleichaltrige Kameraden und Aufsichtspersonen bei Freizeitaktivitäten.

In der Clienia-Gruppe gibt es verschiedene Angebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern. In der Clienia Schlössli bieten wir in Zusammenarbeit mit den kantonalen Kinder- und Jugendhilfezentren eine Sprechstunde an. Informationen gibt es hier (klicken). In der Clienia Littenheid gibt es ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt des Kantons Thurgau und der Stiftung Kinderseele Schweiz. Informationen gibt es hier (klicken).

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