Kinder als Angehörige: Versorgungssituation

Kinder als Angehörige werden oft vergessen. Dabei stellt die Versorgungssituation bezüglich der Kinder psychisch erkrankter Eltern eine besondere Herausforderung dar.

Kinder psychisch kranker Eltern erleben verschiedene Schwierigkeiten. Der erkrankte Elternteil ist oft abwesend oder schafft es nicht, angemessen auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Handelt es sich um einen alleinerziehenden Elternteil, so ist das Kind schlimmstenfalls gänzlich auf sich gestellt. Doch auch mit einem gesunden Elternteil ist die Belastung spürbar. Die betroffenen Kinder fühlen sich oft einsam, traurig, und manchmal neigen sie dazu, die Schuld bei sich zu suchen. Es ist wichtig, den Kindern altersgerecht zu erklären, woran ihre Eltern leiden.

Die Versorgungssituation von Kindern alleinerziehender Eltern
Die psychische Erkrankung eines Elternteils führt oft zu einer Umkehr der Eltern-Kind-Rolle. Ist der Elternteil alleinerziehend, so fällt häufig dem ältesten Kind die Rolle als Verantwortlichem zu. Solche Kinder beginnen, für ihre Geschwister und in gewissen Fällen auch für die Eltern zu sorgen. Die Kinder fühlen sich für den Haushalt, die Ernährung ihrer Geschwister und die Unterstützung im Alltag verantwortlich. Oft beginnt dies schon frühmorgens mit dem Bereitstellen des Frühstücks und der Begleitung von kleineren Geschwistern in den Kindergarten oder die Schule. Es bleibt kaum Zeit für eigene persönliche Kontakte oder Freizeitaktivitäten. Aufgrund der grossen Belastung zuhause erleben die Kinder zusätzlich häufig Herausforderungen im schulischen Kontext: Es kann zu einem Leistungsabfall und auffälligem Verhalten kommen. Die Hausaufgaben sind nicht regelmässig gemacht, und die Klassenkameraden verstehen nicht, wieso die Kinder abwesend und zurückgezogen oder aggressiv sind. Die betroffenen Kinder schämen sich oft für die Erkrankung ihrer Eltern und erklären ihren Kameraden nicht, woran die Veränderung in ihrem Verhalten liegt. Im Extremfall kann es zu Ausgrenzung aus der Klassengemeinschaft  kommen, was die betroffenen Kinder zusätzlich schwächt und ihren Selbstwert beschädigt.

Während jüngere Kinder vergleichsweise mehr Beachtung erhalten, werden Teenager tendenziell überschätzt. Dies zeigt sich zum Beispiel, wenn der Elternteil einen stationären Aufenthalt in Erwägung zieht. Während jüngere Kinder bei Angehörigen oder Freunden untergebracht werden, wird Teenagern eher zugetraut, alleine zurecht zu kommen. Dabei wird übersehen, dass dies rasch zur Überforderung führen kann.

Die Versorgungssituation von Kindern mit zwei erziehungsberechtigten Elternteilen
Auch  Kinder mit gemeinsam erziehenden  Eltern erleben eine schwierige Versorgungssituation. Der gesunde Elternteil leidet ebenfalls unter der Belastung durch die Erkrankung des anderen Elternteils und vermag oft nicht, die fehlende Fürsorge auszugleichen. In akuten Phasen wird die Fürsorge für das Kind durch die erhöhten Anforderungen an den gesunden Elternteil in Mitleidenschaft gezogen. Die Sorge um den kranken Partner und die gemeinsamen Kinder stellt oft eine riesige Herausforderung dar. In dieser Familienkonstellation kann es ebenso zu einer Umkehr der Eltern-Kind-Rolle und zu allen damit einhergehenden Problemen kommen.

Das Verhalten der Kinder
Häufig verhalten sich betroffene Kinder sehr angepasst und unauffällig, um nicht eine zusätzliche Belastung für die Familie darzustellen. Sie machen sich nicht bemerkbar, sprechen nicht über ihre Gefühle und Ängste. Dieses Verhalten unterstützt die Vernachlässigung der kindlichen Bedürfnisse. Durch die Überforderung mit der Situation akzeptiert das Umfeld unbeabsichtigt diesen Rückzug. Dies führt jedoch häufig dazu, dass die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt Symptome der psychischen Belastung zeigen. Gerade wenn sich die Situation um den erkrankten Elternteil entspannt, beginnen die Kinder, Auffälligkeiten  zu zeigen. Die unterdrückten Gefühle und Ängste brechen auf problematische Weise hervor.

Die psychische Erkrankung eines Elternteils wird manchmal auch wie ein Familiengeheimnis behandelt. Häufig  wird den Kindern aus Scham verboten, mit Personen ausserhalb der Familie darüber zu sprechen. Dies erschwert es den Kindern zusätzlich, offen zu sprechen und ihre Ängste und Nöte auszudrücken. Bezugspersonen ausserhalb der Familie fallen dadurch als Unterstützungsnetzwerk weg.

Gesunde Entwicklung
Kinder psychisch erkrankter Eltern müssen nicht zwangsläufig selbst an einer psychischen Störung erkranken. Zwei Dinge sind jedoch besonders wichtig für ihre gesunde Entwicklung. Einerseits ist dies die altersgerechte Aufklärung über die psychische Erkrankung der Eltern. Es ist wichtig, das Kind über die Krankheitszeichen zu informieren. Das Kind soll offen Fragen stellen können, und die Erkrankung darf kein Tabu-Thema sein. Andererseits braucht das Kind mindestens eine stabile, verlässliche  Bezugsperson. Ob diese aus der engeren Familie oder dem sozialen Umfeld des Kindes stammt, spielt keine Rolle. Diese Rolle kann von Verwandten, Freunden der Familie oder auch von Lehrpersonen übernommen werden.

Teil 2: Psychische Folgen

Teil 3: Schutzfaktoren

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