Postpartale Depression: Geschichte einer Patientin

Postpartale Depression: Geschichte einer Patientin

Sabrina ist 28 Jahre alt und Mutter von Mia, einem 6-monatigen, süssen Mädchen. Heute geht es Sabrina gut, aber das war nicht immer so. Sie litt an einer Postpartalen Depression und schämte sich sehr für diese Diagnose, wird von einer frischgebackenen Mutter doch erwartet, überglücklich zu sein.

Sabrinas Schwangerschaft verlief unkompliziert. Sie wollte ihre Tochter im Geburtshaus zur Welt bringen, denn ihr und ihrem Mann waren eine ruhige, entspannte Atmosphäre für dieses besondere Ereignis sehr wichtig. Ausserdem wollte sie bewusst auf schmerzstillende Medikamente verzichten – die Geburt sollte ganz natürlich ablaufen. Doch es kam anders. Die Geburt ging nicht vorwärts, Sabrina hatte nach zwölf Stunden starker Wehen keine Kraft mehr, die Herztöne des Kindes verschlechterten sich zunehmend. Sabrina musste ins Krankenhaus verlegt werden. Nun war plötzlich alles anders als geplant, die eigene Vorstellung von der Geburt wurde völlig umgestossen: Sabrina entband per Kaiserschnitt.

Auch ein paar Tagen nach der Geburt fühlte sich Sabrina noch sehr erschöpft. Sie spürte keine Bindung zu ihrem Baby und wurde von Ohnmachts- und Versagensgefühlen geplagt. Ihre Angehörigen versuchten, Sabrina zu beruhigen: «Das ist bloss der Babyblues und ganz normal. Es wird dir bald viel besser gehen». Dies bewahrheitete sich aber nicht. Auch nachdem Sabrina und Mia das Spital verlassen hatten, verbesserte sich die Situation nicht. Mia weinte oft und liess sich fast nicht beruhigen. Sabrina wurde immer trauriger, war nervös, schlief während ihrer ohnehin schon kurzen Schlafphasen schlecht, litt unter ständigen Kopfschmerzen und darunter, dass sie das Gefühl hatte, keinen Kontakt zu ihrer kleinen Tochter aufbauen zu können. Aus lauter Angst, etwas falsch zu machen, konnte sie ihr Baby fast nicht anfassen. Als sie schliesslich so energie- und antriebslos war, dass sie fast nicht mehr aus dem Bett kam, bestand ihr Mann, der sie unterstützte, wo er konnte, auf einem Besuch beim Hausarzt. Dieser überwies sie zu einer gynäkopsychiatrischen Beratungsstelle für Frauen mit psychischer Belastung im Wochenbett. Dort wurde bei Sabrina die Diagnose einer Postpartalen Depression gestellt. Sie begann mit einer dreimonatigen Gesprächstherapie bei einer Psychiaterin sowie mit einer medikamentösen Behandlung, die ihr aber das weitere Stillen von Mia verunmöglichte – ein weiterer Tiefschlag für die junge Mutter.

Erst in dieser Therapie ist Sabrina klargeworden, dass sie eine Erkrankung und keine Schuld an ihren Gefühlen hat. Die regelmässigen Gespräche in der Sprechstunde halfen ihr zu akzeptieren, dass sich Wünsche manchmal nicht wie geplant umsetzen lassen. Sie verabschiedete sich von ihrem Bild einer perfekten Mutter, die sich mit Leichtigkeit in ihrer neuen Rolle zurechtfindet, einen perfekten Haushalt führt, jederzeit adrett aussieht, immer gut gelaunt und entspannt ist. Sabrina schämt sich heute nicht mehr, wenn sie ihr vorgenommenes Tagespensum nicht bewältigen kann. Und sie weiss, dass ihre Tochter keine perfekte Mutter braucht. Inzwischen konnte sie ihre Medikamente vollständig absetzen und spürt heute eine enge, gute Bindung zu ihrem Kind. Dennoch besucht sie seit zwei Monaten zur Nachbearbeitung der akuten Behandlung einen Psychologen, um das Geschehene gut aufarbeiten zu können. Eine Postpartale Depression kann jede Frau treffen. Daher ist sich Sabrina sicher: Bei einer nächsten Schwangerschaft wird sie sich bereits in den letzten Schwangerschaftsmonaten therapeutische Unterstützung suchen.

Teil 1: postpartale Depression: Symptome und Diagnostik
Teil 2: postpartale Depression: Ursachen
Teil 3: postpartale Depression: Behandlung

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