Psychiatrie-Spitalhygiene während der Pandemie

Während wir mit grossen Anstrengungen versuchen, uns körperlich vor dem SARS-Coronavirus-2 zu schützen, bleibt unsere Seele, unser menschliches Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft möglicherweise auf der Strecke. Die Balance zwischen sinn- und wirkungsvollen Schutzmassnahmen und seelischem Wohlbefinden zu finden ist gerade in psychiatrischen Institutionen eine grosse Herausforderung. Ebenso wichtig ist es, den Patientinnen und Patienten jederzeit optimale Genesungsvoraussetzungen bieten zu können.

Während der Pandemie mit COVID-19 wird uns in rasantem Nachrichtentempo vor Augen gehalten, wie gefährlich die Erkrankung mit dem SARS-Coronavirus-2 ist und wie viele Menschen an dieser Erkrankung gestorben sind oder sterben werden. Die Zahlen der diagnostizierten Fälle und auch der Todesfälle stiegen zeitweise exponentiell. Der Bund war gezwungen, Massnahmen zu verordnen, die in die persönliche Freiheit der Bürger eingriffen und der Bevölkerung Distanz und Abschottung auferlegten. Bilder von verhüllten Medizinern gingen um die Welt, Experten stritten sich über die besten Entscheidungen zur Verhinderung von weiteren Ansteckungen. Es erstaunt nicht, dass das Zusammenkommen von Freiheitseinschränkung und Tod, aber auch Unsicherheit und Unwissen, wie eine solche Situation bewältigt werden kann, zu Kontrollverlust und Angst führte. Wie ist die Clienia Littenheid mit diesem Spannungsfeld umgegangen? Wir haben einer Fachfrau drei Fragen dazu gestellt: Dr. med. Eva Lemmenmeier kam vor einigen Monaten als Assistenzärztin für Psychiatrie und Psychotherapie auf eine unserer Akutstationen. Die am Kantonsspital St. Gallen ausgebildete Infektiologin konnte gleich zu Beginn der Pandemie zum hauseigenen internistischen Dienst abberufen und in dieser Funktion in den Oberarztstatus befördert werden und somit unseren professionellen Umgang mit COVID-19 sicherstellen.

In einigen Kliniken ist eine Maskentragepflicht eingeführt worden. Warum hat sich Clienia Littenheid dieser Pflicht nicht angeschlossen?

Eva Lemmenmeier: Als psychiatrische Klinik waren unsere Maskenbestände zu gering, um eine generelle Maskenpflicht einzuführen. Ausserdem gibt es im psychotherapeutischen Setting gute Möglichkeiten, den geforderten Abstand von zwei Metern einzuhalten. Da das neue Coronavirus primär über Tröpfchen, die in der Regel nicht weiter als zwei Meter «fliegen», übertragen wird, braucht es lediglich bei nahem Kontakt von weniger als zwei Meter Abstand eine Maske. Dazu kommt, dass die Kommunikation beim Tragen einer Maske eingeschränkt ist und gerade bei psychisch kranken Menschen damit Angst ausgelöst werden kann. So haben wir uns für diesen auch vom BAG und von der Swissnoso unterstützten Mittelweg entschieden.

Wäre eine Maskenpflicht sinnvoll, wenn es eine zweite Welle gäbe und viele Patienten in der Clienia Littenheid am Coronavirus erkrankten?

Glücklicherweise hatten wir bisher keinen einzigen COVID-19 Patienten in Littenheid. Sollte sich diese Situation drastisch ändern, wäre sicherlich neu zu beurteilen, ob eine generelle Maskenpflicht sinnvoll wäre. Selbstverständlich müssten im Kontakt mit erkrankten Patienten Maske, Schutzbrille, Handschuhe und Schutzmantel getragen und der Patient im Einzelzimmer isoliert werden. Das alles wäre schon bei der ersten Welle so umgesetzt worden.

Für das Personal war ja von Anfang an vieles klar, doch wie es mit den Patienten? Wurden sie auch informiert?

Selbstverständlich! Es gab Informationsveranstaltungen für unsere Patientinnen und Patienten, wo Fragen beantwortet und Massnahmen erklärt wurden. Wichtig war und ist immer noch, dass sich die Patienten regelmässig und gründlich die Hände waschen, Abstand zueinander halten und sich bei Symptomen einer akuten Atemweginfektion, Fieber oder Unwohlsein bei der Pflege melden, die dann eine Abklärung und Isolation veranlasst.

«Die COVID-19-Pandemie erfasst Körper und Seele», sagt Frau Lemmenmeier. «Und nicht alle Massnahmen, die unter spitalhygienischen Gesichtspunkten richtig sind, lassen sich in einem Umfeld mit psychiatrischen Patienten sinnvoll umsetzen. Diese Balance gilt es auszuhalten und darüber zu reden, denn klare Kommunikation ist in einer Krise besonders wichtig. Wir lernten viel aus dieser erstmalig in diesem Umfang aufgetretenen Pandemie und entwickeln uns dadurch weiter.»

Psychiatrie-Spitalhygiene während der Pandemie
Dr. med. Eva Lemmenmeier

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