Schematherapie: Einführung

Schematherapie: Einführung

Jeffrey Young entwickelte die Schematherapie ursprünglich für Patientinnen und Patienten, die nicht auf die “klassische” kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ansprachen. Die Schematherapie ist entsprechend eine Weiterentwicklung der KVT, die um wichtige Konzepte anderer Therapierichtungen wie der Bindungstheorie (Limited Reparenting), der humanistischen Therapie (Bedürfnisorientierung), der Hypnotherapie (Imagination), der erfahrungsorientierten Methoden der Gestalttherapie (Stuhldialoge und andere emotionsfokussierte Interventionen) oder der Tiefenpsychologie (biografische Aspekte der Problementstehung) erweitert wurde. Es handelt sich damit um ein integratives Psychotherapieverfahren, das störungsübergreifend angewendet werden kann, wobei Frustrationen von zentralen Grundbedürfnissen in der Kindheit als individuelle, stabile und überdauernde thematische Anfälligkeiten (Schemata) konzeptualisiert werden. Ein aktiviertes Schema kann im Verlauf des Lebens persistieren und zu verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten und Erlebensphänomenen führen. Im Zentrum der Schematherapie steht die Identifikation der dysfunktionalen Bewältigungsmuster, das Verständnis biografischer Aspekte in der Problementstehung und das Herbeiführen aktiver Veränderungen auf emotionaler, kognitiver oder bedürfnisorientierter Basis.

Was ist ein Schema?

Infolge von (chronischen) Grundbedürfnisfrustrationen in der Kindheit entwickeln sich über die Lebensspanne maladaptive Schemata, die aus einem Konglomerat von Erinnerungen, Emotionen, Kognitionen und Körperreaktionen bestehen. So können einer Schemaentstehung traumatische Erfahrungen oder Vernachlässigung in der Kindheit zugrunde liegen, wobei tief verankerte, dysfunktionale Glaubenssätze entstehen können (z.B. «Ich bin ein hoffnungsloser Fall und mache sowieso alles falsch»). Schemata werden als individuelle Deutungsschablonen oder Ergebniserwartungen aufgefasst, die durch spezifische Aussen- oder Innenreize ausgelöst werden. Das folgende Problemverhalten wird als Konsequenz eines maladaptiven Schemas verstanden, weshalb das Ziel der Behandlung die Bearbeitung des ursächlich zugrundeliegenden Schemas ist. Zu Beginn der Therapieentwicklung konzentrierte sich Jeffrey Young auf die Identifikation von 18 Schemata. Er unterteilte die Schemata in 5 Domänen. Dabei steht jede Domäne für ein Cluster von menschlichen Grundbedürfnissen. Es wird davon ausgegangen, dass bei Frustration der entsprechenden Bedürfnisse sich Schemata der folgenden Domänen entwickeln. 

Abgetrenntheit und Ablehnung: Diese Domäne bezieht sich auf das unerfüllte Grundbedürfnis der Bindung, im Sinne beständiger liebevoller Beziehungen und Zugehörigkeit zu unterstützenden Gemeinschaften. Zu den Schemata in dieser Domäne gehören emotionale Entbehrung, Verlassenheit / Instabilität, Misstrauen / Missbrauch, Isolation und Unzulänglichkeit / Scham.

Beeinträchtigung von Autonomie und Leistung: Das Grundbedürfnis der Autonomie und Selbstständigkeit ist in dieser Domäne beeinträchtigt. Dies im Sinne von Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit einschliesslich Kontrolle über die Umwelt. Zu den Schemata in dieser Domäne gehören Erfolglosigkeit / Versagen, Abhängigkeit / Inkompetenz, Verletzbarkeit und Verstrickung / unentwickeltes Selbst. 

Beeinträchtigung im Umgang mit Begrenzungen: Wenn es zu Beeinträchtigungen im Grundbedürfnis der übergeordneten Konsistenz resp. dem Wunsch nach Struktur und Orientierung kommt, können Schemata wie Anspruchshaltung / Grandiosität oder unzureichende Selbstkontrolle / Selbstdisziplin entstehen. 

Fremdbezogenheit: Diese Domäne bezieht sich auf das frustrierte Grundbedürfnis von Selbstwert und Anerkennung. Hier sind Schemata wie Unterordnung / Unterwerfung, Aufopferung oder Streben nach Zustimmung und Anerkennung dominierend.

Übertriebene Wachsamkeit und Gehemmtheit: Diese Domäne bezieht sich auf den Lustgewinn, Spontanität und Spiel, im Sinne von Freude, Genuss, Lustgewinn, Stimulation, Spontaneität und Freiheit im Selbstausdruck, aber auch im Sinne von Unlustvermeidung. Schemata in dieser Domäne sind emotionale Gehemmtheit, überhöhte Standards, negatives Hervorheben / Pessimismus und Strafneigung.  

Jedes ausgelöste Schema geht mit einer Schema-Bewältigungsreaktion einher, sofern nicht der gesunde Erwachsenenmodus die Aktivierung des Schemas durch selbstregulatorische Strategien moduliert. Bei den Bewältigungsstrategien spielt es auch eine Rolle, welche Lernerfahrungen vorliegen und welches Temperament ein Mensch aufweist. Die Bewältigungsstrategien haben die Funktion, die schemaassoziierten unangenehmen Gefühle erst gar nicht aufkommen zu lassen (Vermeidung), ihn als unvermeidbar zu akzeptieren und resigniert hinzunehmen (Erduldung) oder aber überzogen und heftig zu bekämpfen (Überkompensation). Allen drei Bewältigungsstrategien ist gemeinsam, dass sie die Grundbedürfnisse nicht angemessen befriedigen und sich so Schemata verfestigen können. Die Bewältigungsreaktionen stehen eng im Zusammenhang mit den evolutionsbiologischen Reaktionen der Flucht, des Kampfes oder der Erstarrung. Dabei ist zu beachten, dass eine Person unterschiedliche Bewältigungsreaktionen auf die gleiche Schemaaktivierung zeigen kann. 

Im zweiten Teil des Clienia-Blogs wird das Schemamodus-Modell der Schematherapie vorgestellt und im dritten Teil das therapeutische Vorgehen aufgezeigt.

 

Teil 2: das Schemamodus-Modell

Teil 3: Therapeutischer Prozess

Teil 4: Geschichte eines Patienten

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