Schlafstörungen: Geschichte eines Patienten

Schlafstörungen: Geschichte eines Patienten

16 Jahre lang fühlte sich Thomas* müde. Lange Zeit nahm niemand seine Beschwerden ernst. Jetzt lernt sein Gehirn, zu schlafen.

„Ich war vielleicht 14-jährig, als es angefangen hat. In der Schule schlief ich ständig beinahe ein, obwohl ich nachts genügend Schlaf bekam. In der Lehre wurde es schlimmer. Nach anstrengenden Tagen fühlte ich mich tags darauf wie gerädert. Ich kam zwar gut aus dem Bett, hatte aber den ganzen Tag das Gefühl, als würde ich die Welt durch ein Milchglas sehen. Beim Sport hat es sich am wenigsten bemerkbar gemacht, da ich gegen Abend generell wacher wurde, aber der restliche Tag war eine Qual. Ich konnte mich nicht konzentrieren, konnte mir nichts merken und verstand nicht, was mit mir los war. Meine Eltern meinten nur, ich müsse halt früher ins Bett gehen. Im Lehrbetrieb konnte ich nicht über meinen Zustand reden. Dort entstand lediglich der Eindruck, ich sei desinteressiert und unmotiviert. Natürlich war ich niedergeschlagen und traurig. Dennoch habe ich während mehr als drei Jahren überhaupt nichts unternommen. In diesem Alter denkt man, es liege an einem selbst und man müsse sich nur mehr anstrengen. Ich hoffe, dass meine Geschichte dazu beiträgt, dass andere schneller hellhörig werden; gerade wenn es sich um Schlafprobleme bei Kindern oder Jugendlichen handelt.

Als ich endlich zum Hausarzt ging, wurde ein Blutbild erstellt. Da alles in Ordnung war, war ich wieder auf mich selbst zurückgeworfen. Wieder habe ich mehrere Jahre lang gar nichts unternommen. Irgendwie konnte ich den Alltag ja auch bewältigen. Vor allem in Stresssituationen war ich dank des Adrenalins hellwach, dafür nachher tagelang noch kaputter als sonst. Und je mehr ich schlief, desto schlapper fühlte ich mich. Beim nächsten Anlauf war ich bereits Mitte 20. Ich hatte einen neuen Job angefangen und konnte mir endlich eingestehen, dass es so nicht weitergehen durfte. Am GZO Wetzikon wurde eine Schlafmessung durchgeführt. Die Auswertung deutete auf eine Schlafapnoe hin, obwohl ich, jung und sportlich, dafür kein typischer Patient war. Schlafapnoe bedeutet, dass man während des Schlafens zu wenig Sauerstoff bekommt. Eine CPAP-Therapie sollte dafür sorgen, dass die Luftwege offen bleiben. Die hat aber überhaupt nichts genützt. Also habe ich das Ganze wieder aufgeschoben. Später korrigierte ein HNO-Arzt die Nasenscheidewand und den Zungenboden, was kurzzeitig tatsächlich geholfen hat. Aber nach drei Monaten verschwand die Welt wieder hinter Milchglas.

Ein ganzes Jahr später stand ich wieder im GZO und war entschlossen, diesmal die Ursache endlich zu finden. Im Schlaflabor wurde im April dieses Jahres erkannt, dass kein mechanisches Problem vorliegt, sondern mein Gehirn „schuld“ ist. Es sendet jede Minute oder sogar häufiger einen Aufwachimpuls, so dass ich gar nie richtig schlafe. Ab da ging alles sehr schnell. Ich wurde ans Clienia Psychiatriezentrum Wetzikon in die Spezialsprechstunde Schlafmedizin überwiesen. Jetzt bin ich in einer schlafmedizinischen und psychotherapeutischen Therapie. Ich wurde über den Schlaf und seine Eigenschaften aufgeklärt.  Die Aufwachimpulse werden medikamentös unterbunden, und dadurch geht es mir schon sehr viel besser. Ich kann mich konzentrieren und sogar auch mal ohne Einkaufszettel im Laden stehen, ohne die Hälfte zu vergessen. Täglich rapportiere ich meiner Psychologin, wie ich geschlafen habe und wie ich mich fühle. Sie gibt mir aufmunternde Worte und stellt mal ein Medikament um, oder sie macht mir Vorschläge, was ich selbst tun kann. Das Medikament konnte ich bereits reduzieren. Ich werde die Therapie noch ein Weilchen fortsetzen müssen, aber die Chance besteht, dass mein Gehirn lernt, korrekt zu funktionieren, so dass ich irgendwann komplett geheilt bin.“

* Name geändert

Teil 1: Schlafstörungen: Symptome und Diagnose
Teil 2: Schlafstörungen: Ursache
Teil 3: Schlafstörungen: Behandlung

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