Schmerzstörungen ohne somatische Befunde: Geschichte einer Patientin

Schmerzstörungen ohne somatische Befunde: Geschichte einer Patientin

Seit Lydia Brugger* 17 Jahre alt ist kämpft sie gegen Schmerzen, für die es keine somatischen Befunde gibt. Ihren erlernten Beruf, Coiffeuse, kann sie schon lange nicht mehr ausüben. Am schlimmsten ist für sie, dass ihr niemand glaubt. Und dass kein Medikament ihr Leiden mildern konnte. Die Ärzte waren mit ihrem Latein am Ende, Lydia Brugger war «austherapiert». Nach mehreren stationären Aufenthalten in Littenheid hat sie neue Hoffnung geschöpft und es geht ganz langsam wieder aufwärts. Schritt für Schritt.

Frau Brugger, zwei Drittel Ihrer bisherigen Lebenszeit waren geprägt von Schmerzen. Wie hat vor 35 Jahren alles angefangen?

Ich hatte zunächst starke Rückenschmerzen, die sich schliesslich über meine Beine, mein Gesäss und in die Arme ausdehnten. Zeitweise konnte ich nicht einmal mehr gehen. Ich wurde von Arzt zu Arzt und von Spital zu Spital überwiesen – ohne Befunde, dafür mit Schmerztabletten, die nichts nützten.

Wie fühlt es sich an, Schmerzen zu haben, für die es keine Befunde gibt?

Körperlich fühlt es sich an, als wäre der ganze Körper wund. Am wohlsten ist es mir jeweils, wenn ich keine Kleider trage. Die starken Schmerzen schränken einem dermassen ein, dass man das Leben als nicht mehr lebenswert empfindet – es ist eher ein Gefühl des «Dahinvegetierens». Psychisch macht es mich traurig und frustriert. Ich habe mir immer einen Beweis für meine Schmerzen erhofft.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Welches Umfeld? Ich habe längst keines mehr. Freunde und Familie haben sich abgewandt, ich kann ja bei nichts mitmachen, was sie unternehmen. Dazu kam das permanente Gefühl, dass sie mir nicht glaubten. Zwar wurde ich nie wörtlich als Simulantin betitelt, aber es gab viele Situationen, in denen ich deutlich spürte, dass alle dachten: «Ihr fehlt doch nichts, sie soll sich einfach mal zusammenreissen».

Wie wirkten sich Ihre Schmerzen auf Ihren Alltag aus?

Zu den Schmerzen kamen weitere Krankheiten hinzu: Rheuma, starke Migräne, eine Abhängigkeit von selber besorgten Schmerztabletten und eine mittelschwere Depression. Meine somatischen Beschwerden wurden trotz diverser spezifischer Behandlungen, zum Beispiel bei einem Rheumatologen, nicht besser. Ich konnte nicht mehr arbeiten, fing an, mich zu vernachlässigen und lag nur noch zuhause im Bett.

Sie sind nun seit zwei Monaten auf einer Akutstation in Littenheid. Welche Fortschritte haben Sie erzielt?

Nach jahrelangen erfolglosen ambulanten Behandlungen ist dies nun bereits mein vierter stationärer Aufenthalt in Littenheid. Erstmals war ich 2016 hier. Zuerst stand die Behandlung meiner Depression im Vordergrund. Ich fühlte mich durch die dauernden Schmerzen so erschöpft, dass ich einfach nicht mehr konnte. Die Schmerzstörungen waren erst bei meinem dritten Aufenthalt in Littenheid Thema. Die Gesprächstherapie und die Bezugspersonengespräche helfen mir sehr. Auch die fachtherapeutischen Angebote sind hilfreich für mich, allen voran die Ergotherapie und Chi Gong. An den Gruppentherapien nehme ich nicht teil – ich rede nicht gerne vor anderen Leuten. Inzwischen habe ich weniger Ängste, weniger Panikattacken und sehe wieder Sinn im Leben. Und ich weiss, dass ich meine neu eingestellten Medikamente nicht einfach selber absetzen darf, wenn ich das Gefühl habe, es ginge mir wieder besser. Das Ziel ist eine langsame Reduktion, im Wissen, dass ich vermutlich immer auf Medikamente angewiesen sein werde.

Ihr stationärer Aufenthalt in Littenheid endet demnächst. Wie geht es jetzt weiter?

Der Gedanke, meinen Alltag wieder selber bestreiten zu müssen, macht mir Angst. Ich muss aufpassen, dass ich mir nicht zu viel aufbürde mit den wöchentlichen Terminen bei der Spitex und meinem ambulanten Psychiater, mit der stundenweisen Arbeit in einer geschützten Werkstätte und der Führung meines Haushalts. Ich freue mich aber sehr auf meinen Hund und auf lange Spaziergänge mit ihm.

*Name geändert

Teil 1: Symptome und Diagnose

Teil 2: Ursache

Teil 3: Behandlungen

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