Sport und psychische Gesundheit: Geschichte eines Patienten

Sport und psychische Gesundheit: Geschichte eines Patienten

Tom ist 17 Jahre alt und Patient in einer der Krisen- und Therapiegruppen für Jugendliche in Littenheid. Der Eintritt erfolgte aufgrund seiner Anorexie und einer schweren Depression. Die Krankheit entstand durch enorme körperliche und mentale Anforderungen, die der Spitzensport von ihm abverlangte.

«Als ich in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Littenheid eintrat, wog ich 52 Kilogramm. Ich kam direkt aus dem Spital hierher, wo ich einige Wochen zuvor mit einer viel zu tiefen Herzfrequenz eingeliefert wurde», so der 1.70 Meter grosse Jugendliche. «Ich mache Leichtathletik, seit ich denken kann – schon als Fünfjähriger war ich am Start. Leichtathletik war meine grosse Leidenschaft, am liebsten hätte ich den ganzen Tag lang nichts anderes getan. Meine Fortschritte waren sensationell. Für erstklassige Resultate muss man leicht und dünn sein. Je weniger ich wog, desto schneller war ich».

Seine erste Essstörung hatte Tom mit zehn Jahren. Er fand seinen Bauch und seine Beine zu dick und nahm deshalb sechs Kilogramm ab. «Ich verglich mich mit anderen Sportlern, die athletisch und sehr dünn waren. Ich googelte das Gewicht von Spitzenläufern und verfolgte deren diesbezügliche Entwicklung. Wogen sie zwei Kilogramm weniger als zuvor, wollte ich das auch. Schliesslich waren es Profis, die wissen, was sie für ihren Erfolg tun müssen. Daran konnte nichts Schlechtes sein.»

Einige Monate später hatte Tom seine Essstörung, zumindest vordergründig, bezwungen – bis es vor rund zwei Jahren sportlich steil nach oben ging und von ihm immer noch bessere Resultate und eine noch höhere Leistungsfähigkeit erwartet wurden. Der Druck der Trainer und Sponsoren wurde grösser und grösser, ebenso die Konkurrenz. Toms Ergebnisse entwickelten sich so positiv, dass er an den Juniorenweltmeisterschaften die Silbermedaille gewann. Er war sich sicher, dieses Resultat nur dank seines tiefen Gewichts erreicht zu haben. Und so rutsche er erneut in eine Essstörung, die, wie er sagt, im Leichtathletik-Spitzensport völlig normal war. «Mit 13 Jahren bewohnte ich mit gleichaltrigen Sportlerinnen und Sportlern eine WG in Italien. Ausnahmslos alle hatten eine Essstörung. Sie gehörte einfach zu unserem Sport. In diesem Alter konnte ich nicht einordnen, dass dies nicht die Norm sein sollte.»

Die psychischen Probleme begannen etwa zwei Jahre später, als seine Trainer Tom sagten, er sei zu dick und würde es so nie an die Weltspitze schaffen. Zweimal pro Woche musste er fortan auf die Waage. «Ich habe einfach nichts mehr gegessen, bis der Hunger so gross wurde, dass ich innert kürzester Zeit alles in mich reinstopfte, was mir zwischen die Finger kam. Mein schlechtes Gewissen sagte mir, dass alles wieder raus musste. So kam ich von der Anorexie in die Bulimie. Aus heutiger Sicht hat dies meine schwierige Situation noch verschlimmert.» Tom beschreibt dieses Gefühl zu jenem Zeitpunkt aber als positiv, denn über seine Essgewohnheiten hatte er selbst zu jeder Zeit die Kontrolle, und dies gab ihm Sicherheit. Es war seine Art, Stress abzubauen.

Sein Umfeld hat von der körperlichen und mentalen Veränderung nichts mitbekommen. Tagsüber ass Tom nichts, was niemandem auffiel. Und nachts, wenn alle schliefen, schlang er zuerst zwei Stunden lang alles Mögliche runter und erbrach es danach wieder. Seine Karriere ging indes weiter aufwärts und die Trainer bekräftigten, dass Tom so gut sei, weil er auf sein Gewicht achte und nicht zunehme. Dies gab ihm die trügerische Gewissheit, dass sein Verhalten genau richtig war.

Mit den positiven Wettkampfresultaten wurde der Leistungsdruck immer grösser. Der Sport, die Schule sowie das gestörte Essverhalten wurden Tom schliesslich zu viel, er wurde depressiv und begann, sich selbst zu verletzen. «Es war der einzige Weg für mich, Ruhe zu finden. Aber ich verlor meine sozialen Kontakte, weil ich keine Energie mehr hatte, mich mit jemandem zu unterhalten. In einem einzigen Monat nahm ich 18 Kilogramm ab.» Letztlich gab ein ungünstiger Trainerwechsel der Negativspirale Anschub. Ohne medizinische und therapeutische Hilfe wäre Tom nicht mehr aus dieser Situation rausgekommen.

Auf die Frage, ob er wieder Leistungssport betreiben möchte, sagt er: «Im Moment mache ich eine Pause, weil ich mich noch besser finden muss. Am Ende bleibt Leichtathletik aber meine Leidenschaft und ich möchte unbedingt wieder auf die Bahn. Es wird sich aber erst zeigen, ob ich wieder zurück in den Spitzensport will oder nicht.» In Littenheid habe er gelernt, dass er eine eigene Identität habe, und dass er genüge – nur schon mit seinem puren Dasein.

Nun geht er nach Hause mit einem Rucksack voller Skills, die ihm helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Er wird den Alltag mit einer klaren Tagesstruktur, einem Rhythmus und einem auf ihn abgestimmten Ernährungsplan meistern. «Sport ist sehr gesund und etwas Gutes, solange es Spass macht. Es ist wichtig, auf seinen Körper zu hören und sich Unterstützung zu holen. Sollte ich zurück in den Leistungssport gehen, dann nur mit einem starken Team:  einer Ernährungsberaterin, einem Mental Coach und einer Psychologin. Ich bin dankbar, dass ich das in Littenheid lernen durfte.»

Teil 1: Die physiologische Wirkung

Teil 2: Wechselwirkung bei Erwachsenen

Teil 3: Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

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