Suizidalität: Geschichte eines Patienten

Suizidalität: Geschichte eines Patienten

R.K. ist Mitte 70 und frisch verliebt. So gut ging es ihm aber nicht immer. Zweimal hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Er war bereit, mit uns darüber zu reden.

«Das erste Mal kam ich ins «Schlössli», nachdem ich versucht hatte, mein Leben zu beenden. Da war ich etwas über fünfzig, hatte eine eigene Firma und eigentlich ein gutes Leben, als meine Ehe in die Brüche ging. Ich muss vielleicht etwas ausholen. Ich bin mit einer körperlichen Einschränkung zur Welt gekommen. Ich musste mir vieles härter erarbeiten als andere Menschen, wurde gehänselt in der Schule, konnte nicht Autofahren lernen, und viele Buben-Traumberufe wie Lokführer oder Pilot kamen halt auch von Anfang an nicht infrage. Trotzdem habe ich studiert und ein Unternehmen gegründet. Nach dem Scheitern meiner Ehe war ich in einem Tunnel, ich habe einfach nicht mehr hinausgesehen. Im «Schlössli» habe ich eine gute Therapie erhalten, und danach kam eigentlich eine lange, schöne Zeit, auch mit einer neuen Beziehung. Mir ging es gut.

Das zweite Mal war ich um die siebzig Jahre alt. Ich war bis dahin berufstätig gewesen, mein zweiter Suizidversuch hat aber nichts mit meiner Pensionierung zu tun. Mir ging es körperlich nicht gut, ich hatte enorme Beschwerden, und mir wurde einfach alles zuviel. Genau in diese schwere Phase kam auch noch meine Krebsdiagnose. Dies musste sofort behandelt werden, weil die Aussichten nicht gutstanden.

Die Suizidversuche kamen beide aus einer akuten Krise, sie waren nicht von langer Hand geplant. Ich sehe sie im Rückblick als Kurzschlusshandlungen, eine Art Fluchtversuch. Ich war jedes Mal glücklich nach der Zeit im «Schlössli». Es arbeiten dort so viele freundliche und seriöse Leute. Ich würde sofort wieder hingehen. Ich muss einfach dazu sagen, dass ich auch gewollt habe, dass man mir hilft. Ich war empfänglich für die Hilfe. Nach der Akutphase bekam ich Therapien, ich habe gemalt, durfte mich musisch ausdrücken, hatte natürlich eine Gesprächstherapie und viel Beschäftigung. Das tat mir gut. Das zweite Mal haben wir auch eine bessere Nachbetreuung organisiert, ich habe jetzt immer noch alle zwei Wochen ein Therapiegespräch. Am Anfang war das sehr schwer, ich habe viel geweint. Jetzt ist es besser. Die Rückfallgefahr soll ja möglichst klein bleiben, das ist das Ziel. Zurzeit bin ich verliebt und möchte wohl sogar noch einmal heiraten. Natürlich hilft das. Aber ich habe jetzt auch Strategien, wie ich mir selber helfen kann, wenn ich wieder in ein Loch fallen sollte. Und ich trage immer ein Kärtchen mit Telefonnummern bei mir, wo ich anrufen kann, sollten die Wellen über mir zusammenschlagen.

Ein weiterer Rettungsanker aus der Depression, die urplötzlich über mich hineinbrechen kann, sind meine Reisen nach Indonesien. Es ist für mich dort, wie wenn ich in ein Paradies eintauchen könnte. Körperliche Beschwerden verschwinden praktisch. Ich atme freier, kann mich besser bewegen und ernähre mich gesund. Und die örtliche Kultur und Religion haben sich in mein Herz geschlichen. Sobald die Restriktionen aufgrund COVID-19 in Indonesien wieder aufgehoben sind, werde ich ein weiteres Mal dahin reisen.»

Suizidalität: Symptome und Diagnose

Suizidalität: Ursachen

Suizidalität: Behandlung

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