Transsexualität: Geschichte eines Patienten

Transsexualität: Geschichte eines Patienten

Als ich Nils* in Littenheid zum Gespräch traf, erwartete mich ein junger Mann, an dem es nichts Weibliches zu entdecken gab. Nils, der als Nicole geboren wurde, wollte schon im Kindergartenalter lieber ein Junge sein.

Schwierige Situationen hat Nils in seinem 19-jährigen Leben schon zuhauf erlebt: Ausgrenzung, Mobbing, Drogen und Alkohol, Selbstverletzungen, Suizidversuche. Als Kind und vor allem als Jugendlicher hat er stets Anschluss zu den Jungs gesucht und war auf dem Fussballplatz anzutreffen, anstatt mit den Mädchen und Puppen zu spielen. Dadurch wurde er weder von den einen noch von den andern richtig akzeptiert und stand insbesondere während seiner Sekundarschulzeit ziemlich alleine da. Seine Wut und seine seelischen Schmerzen versuchte er mit Kampfsport loszuwerden. Und mit Selbstverletzungen, LSD, Alkohol und Gras. Als Nils 15 Jahre alt war, wollte er sich das Leben nehmen und landete auf der geschützten Krisen- und Therapiegruppe für Jugendliche in Littenheid. Hier konnte er zum ersten Mal sagen, dass er sich im falschen Körper fühlt. Nach seinem Klinikaufenthalt outete er sich vor seiner Familie, doch niemand reagierte – die Tatsache, dass Nicole lieber Nils sein wollte, wurde einfach ignoriert. Als er sich getraute, seine langen Haare ganz kurz zu scheren, wurde er erstmals von Unbekannten als Junge gesehen. Das fühlte sich richtig gut an. Dennoch: Nils fühlte sich nicht ernstgenommen und nicht wichtig.

Das Transgender-Thema wurde in den nächsten beiden Jahren totgeschwiegen, bis die Situation für Nils wieder so unerträglich wurde, seine innere Zerrissenheit so gross, dass er nach einem weiteren Suizidversuch zum zweiten Mal nach Littenheid kam, zuerst wieder auf eine Krisenstation, dann auf eine Psychotherapiestation. Dieser Aufenthalt bewirkte die langersehnte Wende: Nicole trat in die Klinik ein und Nils nach sechs Monaten wieder aus. Er lernte ausserdem, wie er mit seinen starken Emotionen umgehen und die Impulse zur Selbstverletzung frühzeitig erkennen und abwenden kann. Dazu hat er sich viele Skills erarbeitet, die er heute, zwei Jahre später, noch oft anwendet. Nach diesem Klinikaufenthalt kommunizierte er sein Outing dem ganzen Umfeld: seinen Freunden, seinen Kollegen im Handwerker-Lehrbetrieb und auch in der Berufsschule. Die Reaktionen waren unterschiedlich heftig. Seine Mitschüler begannen, ihn zu piesacken und zu schikanieren, bis der Rektor ein Machtwort sprach. Seither ignorieren sie ihn einfach. Die Arbeitskollegen haben es Nils leichtgemacht, einige haben sogar ein paar Fragen gestellt. Dass jetzt manchmal auf seine Kosten Sprüche geklopft werden, findet Nils nicht so tragisch, solange sie sich im Rahmen halten. «Schliesslich ist es immer noch ein Handwerkerbetrieb, da geht es halt manchmal ein bisschen rau zu und her», findet er. Seine Eltern hatten grosse Mühe, dass aus der Tochter plötzlich ein Sohn geworden war, und hofften, es handle sich nur um eine Phase, die wie durch Zauberhand wieder verschwinden möge. Nils' Leidensdruck war weiterhin hoch. Erst als er mit seiner Mutter über seinen unumstösslichen Wunsch einer Geschlechtsanpassung reden konnte, erkannte er, dass auch seine Familie litt.

Nach einem psychiatrischen Gutachten konnte endlich die Transition eingeleitet werden – vor anderthalb Jahren begann seine Hormontherapie. Seither wächst die Körperbehaarung, der Stimmbruch setzte ein, Muskeln werden schneller aufgebaut. Nils ist zweifellos zu einem jungen Mann geworden. Anfangs des nächsten Jahres ist die erste geschlechtsanpassende Operation geplant: das Amputieren der Brüste. Er freut sich darauf. Bis dahin trägt er einen sogenannten Binder, der die Brust komplett flachdrückt, die Lungenkapazität einschränkt und deshalb das Atmen schwermacht. Bis zur OP vermeidet er es, ins Schwimmbad oder zum Sport zu gehen. Später sollen dann die Eierstöcke entfernt werden, «da sich die Einnahme von Testosteron und die Produktion von Östrogen nicht so gut vertragen», sagt er. Nils kann sich auch einen Penisaufbau vorstellen, doch das ist, auch aus Kostengründen, noch nicht spruchreif.

Auf die Frage, wie er sein Leben in zehn Jahren sieht, sagt er: «Ich habe viele Interessen, die von Kunst zum Handwerk bis zum Sozialen reichen. Bis in zehn Jahren möchte ich mich beruflich festgelegt haben. Zudem möchte ich in einer eigenen, schönen Wohnung leben. Und eine liebe Partnerin gefunden haben.» Transsexuellen rät er, sich auszuprobieren. Zu spüren, wie man sich am wohlsten fühlt. Sich zuerst nur im geschützten Umfeld zu outen, zum Beispiel dem besten Freund oder der besten Freundin von seinen Gefühlen zu erzählen. Solchen, von denen man weiss, dass sie zu einem stehen, ganz egal, was geschieht. Für ein grosses Coming-out, findet er, sei es erst an der Zeit, wenn man sich in seinem Wunsch, zum anderen Geschlecht zu gehören, richtig gefestigt fühlt. «Denn es könnte sich ja tatsächlich nur um eine Phase handeln».

Seit etwa einem Jahr geht es Nils gut, zumindest die meiste Zeit. «Die Lehrzeit mit arbeiten und zur Schule gehen ist streng, aber so geht es wohl auch den andern Lernenden. Mein Coming-out und die Transition waren extreme Filter für meine Beziehungen – ich weiss nun genau, auf wen ich mich verlassen kann. Heute werde ich von Familie und Freunden akzeptiert», so Nils. Er wünscht sich für die Zukunft, dass sich Menschen frei von Diskriminierung so entfalten können, wie sie sind.

*Name geändert

Teil 1: Diagnostik
Teil 2: Innere Transition
Teil 3: Äussere Transition

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