Trauma: Geschichte einer Patientin

Anja Fischer* ist 40 Jahre alt und sagt, seit sie denken könne habe sie den Eindruck, mit ihrem Leben stimme etwas nicht. Lange Zeit hatte sie keine Erklärung dafür, wusste nicht, was denn eigentlich mit ihr los war. Da waren nur diese konfusen Gefühle und die wiederkehrende Todessehnsucht. Bis alles plötzlich Sinn ergab.

Anja wuchs in einer konservativ-gläubigen Familie auf, die einer strengen Gemeinschaft katholischer Traditionalisten angehörte. Kirchengänge voller Demut gehörten zu ihrem alltäglichen Leben. Ihre katholische Sozialisation war geprägt davon, nie gut genug zu sein. Die kaufmännische Ausbildung absolvierte sie denn auch äusserst gewissenhaft, fleissig und erfolgreich. Trotzdem stellte sie ihr Licht stets unter den Scheffel, fühlte sich klein und unsicher, verkaufte sich unter ihrem Wert. Immer kümmerte sie sich um die andern, selbst dann, wenn sie selber fast nicht mehr konnte. Bis Anja durch einen schlimmen Sportunfall mit einer Nahtoderfahrung gestoppt wurde. Das war vor 20 Jahren. Nach diesem Unfall und vielen Konsultationen bei einem Therapeuten taumelte sie von Jobs, die sie überforderten in solche, die sie unterforderten. Drei Jahre später erlitt sie einen Zusammenbruch, war voller Panik, weinte nur noch, zitterte, sah keine Perspektiven mehr. Sie verbrachte fast sieben Monate in der stationären Akutpsychiatrie und kam dann wieder halbwegs auf die Beine.

Einige Zeit später lernte sie einen Mann im Web kennen. Doch schon das erste physische Treffen endete in einer Katastrophe: Anja wurde vergewaltigt – und es stand Aussage gegen Aussage. Die Beweise fehlten, weil sie sich nur zu Beginn wehrte, in eine Erstarrung geriet und dann den Missbrauch über sich ergehen lassen musste. Anja wurde von der zuständigen Polizistin als Schuldige hingestellt, die mehrstündige Befragung war die reinste Tortur. Anja war so verzweifelt, dass sie eine grosse Menge Schlaftabletten schluckte. Doch sie überlebte den Suizidversuch und wurde vom Spital direkt in die Clienia Littenheid verlegt. Sie kapselte sich jedoch total ab und liess niemanden an sich heran. Nach ihrem Austritt schaffte sie es aber trotzdem, sich aufzurappeln und die Leistung zu erbringen, die von ihr erwartet wurde. Ihre Gefühle drückte sie weg, ging mit dem Kopf durch die Wand – bis im Jahr 2014 plötzlich Lähmungserscheinungen auf der einen Körperseite auftraten, verschwanden und immer wiederkamen. Dann kamen mehrere Hörstürze dazu. Körperlich konnte keine Diagnose gestellt werden, Anja wurde als Simulantin abgestempelt.

Im Folgejahr trat Anja wieder einen stationären Aufenthalt in Littenheid an, diesmal auf einer Station für Patienten mit komplexen Traumafolgestörungen. Ihrem Therapeuten konnte sie nichts vormachen, und zum allerersten Mal in ihrem Leben hatte Anja das Gefühl, gehört zu werden. Weil sie auf die Konfrontation mit der Vergewaltigung praktisch nicht reagierte, kam schliesslich die Frage auf, ob da noch etwas anderes im Verborgenen lag. Manchmal konnte sie nach den verordneten Körper- und Gesprächstherapien fast nicht mehr gehen oder hatte einen komplett verspannten Körper, Panikattacken und Alpträume von Männern, die sie verfolgten. Erst bei einem Gespräch mit ihrer Mutter wurde es Anja schlagartig bewusst: Sie wurde als Vierjährige von einem Priester der katholischen Gemeinschaft, der ihre Familie angehörte, sexuell missbraucht. Zwar hat Sie keine Bilder vor Augen, aber klare Körper- und Gefühlserinnerungen. Endlich hatte sie eine Erklärung für ihre diffusen Gefühle und konnte ihr Trauma angehen. Es folgten noch einige stationäre Aufenthalte und ambulante Konsultationen in Littenheid. Der Weg war steinig und ist es zum Teil immer noch.

Heute lebt Anja ihr eigenes Leben und möchte bald wieder in den bezahlten Arbeitsprozess einsteigen. Sie spürt, was ihr guttut und was nicht, obwohl es nicht einfach ist, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und umzusetzen. Sie hat keine Sehnsucht mehr danach, allen zu gefallen und die Erwartungen anderer zu erfüllen. Kann man sich jemals von der Bürde des Erlebten befreien? «Nein», sagt sie, «die schrecklichen Erinnerungen wird man nie vergessen und man kann sie auch nicht schönreden. Doch die unerträglichen Gefühle verschwinden und das Leben wird wieder lebenswert, ohne dass permanente Schmerzen alles beeinträchtigen.»

*Name geändert

Teil 1) Trauma: Diagnostik und Ursachen
Teil 2) Trauma: Traumafolgestörungen
Teil 3) Trauma: Behandlung

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