Zwangserkrankungen: Geschichte einer Patientin

Zwangserkrankungen: Geschichte einer Patientin

Selma putzt. Sie wäscht, und dann putzt sie wieder. Schmutz, auch bloss immaginärer, ist ihr unerträglich. Selma leidet an einer Zwangserkrankung.

Wenn Selma* in ihrer ordentlich eingerichteten Wohnung Besuch empfängt, putzt sie danach das Sofa. Und das Badezimmer. Und alle Fussböden. Und natürlich die Toilette. Lieber hat sie ohnehin keinen Besuch. Wenn ihrer jungen Katze ein kleines Missgeschick passiert, muss Selma nicht nur dort saubermachen, wo das Malheur geschehen ist, sondern auch in allen anderen Zimmern. Wenn ihre Kinder die Toilette benützen, lauscht sie, ob danach der Wasserhahn läuft. Sie kontrolliert, ob das Lavabo im Badezimmer nass ist, das Handtuch feucht, die Seife frisch benutzt. Wäscht sich jemand nach dem Toilettengang nicht die Hände, dann bleibt der Mittdreissigerin mit den wachen dunklen Augen nur noch, alle Türklinken zu putzen. Und die Toilette. Ist sie selbst zu Besuch, ekelt sie sich vor allem, was sie berühren muss. Kommen ihre Kinder aus der Schule, würde sie sie gerne komplett ausziehen und neu anziehen. Kommt ihr Mann von der Arbeit nachhause, darf er sie erst berühren, wenn er sich gewaschen hat. Und Intimität ist nur mit einem langen Reinigungsprozedere sowohl vorher als auch hinterher möglich.
Selma leidet unter einer Zwangserkrankung. „Angefangen hat es wohl schon als Teenager. Als ich in meinen frühen Zwanzigern geheiratet habe, wurde es sehr viel schlimmer“, erzählt Selma offen. „In meiner Kultur, im Herkunftsland meiner Eltern, ist sexuelle Enthaltsamkeit der Frauen vor der Ehe enorm wichtig. Ich hatte einmal einen Freund geküsst, nichts weiter, aber ich bin vom Gedanken nicht mehr losgekommen, dass ich unrein sei und etwas Schmutziges getan hätte.“ Das Gefühl, irgendwie „schuldig“ und darum nie richtig sauber zu sein, begleitet Selma nun seit 14 Jahren. Ihren Beruf in einem Altersheim musste sie aufgeben: „Da musste ich mir ständig die Hände waschen. Zum Heimfahren musste ich einen Schutzbezug auf meinen Autositz legen. Zuhause musste ich sofort alle Kleider wechseln und waschen.“
Der Zwang beeinflusst Selmas Leben massiv. Tiefpunkte erlebt sie immer dann, wenn das Leben besonders stressig wird: bei Ehekonflikten, rund um die Geburt ihrer beiden Kinder, im steten Hin- und Herreisen zwischen der Schweiz und dem Herkunftsland ihrer Eltern, aus dem auch ihr Mann stammt. „Zeitweise wollte ich mir das Leben nehmen“, sagt Selma, „und dann wieder habe ich mich mittels aufwendiger Strategien, die von aussen lächerlich wirken, irgendwie arrangiert.“ Seit aber ihr älteres Kind Anzeichen von Zwangshandlungen entwickelte, ist Selma klar, dass sie professionelle Hilfe braucht. Seit mehreren Jahren ist sie im Clienia Psychiatriezentrum Wetzikon in Behandlung. „All diese Zwangshandlungen auszuführen, also scheuern, waschen, Betten neu beziehen, verschafft mir kurzfristig Erleichterung. Je mehr ich unter Druck stehe, desto mehr brauche ich sie. Darum ist das auch so schwierig zu behandeln“, erzählt sie, „mein Arzt ermuntert mich aber, die Gedanken auszuhalten, ohne die Handlung folgen zu lassen. Ich habe zum Beispiel gelernt, Geld anzufassen und danach meine Haare. Und es zu ertragen, die Haare danach stundenlang nicht waschen zu können. Oder mit der jungen Katze zusammen zu leben, auch wenn sie viel Stress für mich bedeutet, weil ich sie nicht kontrollieren kann.“ Selmas Weg ist hart und weit. Sie weiss, dass ihre Behandlung sehr viel Zeit, Geduld und Motivation verlangt. Über lange Strecken geht es auch nicht ohne Antidepressiva. „Aber ich habe schon viel zuviel Lebenszeit mit dem Ausüben meiner Zwänge verloren“, sagt Selma entschlossen, „und ich möchte nicht, dass meine Kinder mein Muster erben. Das motiviert mich.“ Warum hat sie eingewilligt, ihre belastende Geschichte zu erzählen? „Ich habe viel zu lange gewartet, bis ich mir Hilfe geholt habe. Ich habe vor der Familie, meinen Freunden, auch vor mir selbst immer versteckt, wie schlimm es war. Und so alles noch viel schlimmer gemacht. Wenn meine Geschichte jemandem hilft, noch in den Anfängen der Erkrankung Hilfe zu suchen, dann konnte ich doch etwas beitragen.“

* Name geändert

Teil 1: Zwangserkrankungen: Symptome und Diagnose
Teil 2: Zwangserkrankungen: Herkunft und Ursache
Teil 3: Zwangserkrankungen: Therapie und Behandlungsmöglichkeiten

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