Transsexualität: Diagnostik

Transsexualität: Diagnostik

Im ersten von vier Blog-Beiträgen befassen wir uns mit den diagnostischen Aspekten der Transsexualität.

Teil 2: Innere Transition

Teil 3: Äussere Transition

Einführung
Transsexualität ist grundsätzlich ein sehr komplexes Phänomen und sowohl aus medizinisch-psychiatrischer als auch aus gesellschaftspolitischer und ethischer Sicht hochrelevant. In unserer Blogreihe liegt der Schwerpunkt auf den psychiatrischen Aspekten, ohne dabei sozio-politische Mechanismen, wie zum Beispiel die Stigmatisierung, komplett zu vernachlässigen.

Da im Übergang vom Kindes- ins Jugendalter ohnehin eine Transition auf verschiedenen Ebenen stattfindet und Aspekte der Identität in diesen Entwicklungsphasen besonders relevant sind, liegt es nahe, das Thema mit Fokus auf diesen Lebensabschnitt anzugehen.

Diagnostik
Diagnostisch sind Fragen nach der Geschlechtsidentität im aktuellen Katalog der WHO (ICD-10) im Kapitel F64 Störung der Geschlechtsidentität im Kindes- und Jugendalter verortet. Abhängig vom Inhalt, der Dauer und dem Alter, in dem sich die Frage der Geschlechtsidentität stellt, differenzieren sich diagnostische Untergruppen.

Grundsätzlich sollen zwei Hauptsymptome (oder Kriterien), welche die Problematik aus zwei verschiedenen Perspektiven beleuchten, betrachtet werden. Einerseits ist dies der Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören, andererseits die Abneigung gegenüber der Zugehörigkeit zum eigenen Geschlecht.

Im Kindesalter gilt das erste Hauptkriterium als erfüllt, wenn vier von fünf Aspekten anhaltend als gegeben betrachtet werden können. Dies sind, neben dem wiederholt geäusserten Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören, die Verletzung der Stereotypen bezüglich Kleidung und bezüglich der klassischen Rollen in Spielen, die Teilnahme an Spielen oder Aktivitäten sowie eine Präferenz für gegengeschlechtliche Kameraden. Für die Erfüllung der Kriterien im Jugendalter müssen sich oben berichtete Aspekte konkreter manifestiert haben, sodass eine betreffende Person womöglich bereits real als solche des anderen Geschlechts lebt und entsprechend akzeptiert wird.

Auch für das zweite Hauptsymptom, das andauernde Unbehagen (auch genannt Gender-Dysphorie) bezüglich des eigenen Geschlechts im Kindesalter, werden verschiedene Kriterien der sozialen Norm angewendet. Dies sind zum Beispiel die dauernde Ablehnung der eigenen Genitalien oder die Abneigung, typisch männliche oder weibliche Kleider zu tragen. Bei Jugendlichen gelten Teile des Symptoms als erfüllt, wenn der Wunsch, sich der eigenen primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zu entledigen, anhält.

Unter dem erwähnten ICD-10-Kapitel (F64) gibt es diverse mögliche Untergruppen, die es erlauben, vorübergehende oder tendenzielle Entwicklungen präziser zu verorten. Entsprechend kann die altersspezifische Diagnose Störung der Geschlechtsidentität im Kindesalter mit der Codierung F64.2 angewendet werden. Für das Jugendalter fehlt eine offizielle Klassifikation. Sind der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung oder die Gender-Dysphorie nach Abschluss der Pubertät während mindestens zwei Jahren weiterhin durchgehend vorhanden, dann soll die Diagnose Transsexualismus (F64.0) gestellt werden.

Frage nach dem Krankheitswert
Die Frage nach der Diagnostik und dem Krankheitswert von Phänomenen rund um Transgender-Fragen ist ethisch-moralisch hochrelevant. Der «pathologisierende» Anteil der Diagnose kann für betreffende Personen stark stigmatisierend wirken. Im Zuge des neuen Klassifikationssystems der WHO, dem ICD-11, soll deshalb neu der Term Genderinkongruenz verwendet werden. Um gegebenenfalls operative Eingriffe vorzunehmen und eine möglichst grosse inter- und intrapsychische Stabilität über den Prozess zu gewährleisten, ist eine differenzierte Diagnostik jedoch unerlässlich.

Komorbiditäten
Die Anzahl und das Ausmass psychiatrischer Begleiterscheinungen im Rahmen des Prozesses einer Geschlechtsidentitätsfindung hängen stark vom sozialen Umfeld ab. Ist dieses von Akzeptanz geprägt, kann der Entwicklungsprozess durchaus ohne Komorbidität verlaufen. Ist diese Akzeptanz nicht oder nicht ausreichend gegeben, dann ist es durchaus möglich, dass sich bei der betreffenden Person eine Depression, eine Angsterkrankung oder generelle Schwierigkeiten mit emotionaler Stabilität entwickeln.

In den nächsten Teilen dieses Blogs gehen wir den Faktoren nach, die das soziale Umfeld und den therapeutischen Prozess im Rahmen einer Geschlechtsangleichung betreffen.

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