Psychotherapie im Alter: Besonderheiten der Psychotherapie im Alter

Psychotherapie im Alter: Besonderheiten der Psychotherapie im Alter

Im dritten Teil zum Thema Psychotherapie im Alter werden einige Besonderheiten aufgezeigt.

Teil 1: Risikofaktoren für eine psychische Erkrankung

Teil 2: Die häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter

Grundsätzlich blicken ältere Menschen auf einen reichen Erfahrungsschatz in ihrem Leben zurück, der in den meisten Fällen die erfolgreiche Bewältigung von Problemen und schwierigen Lebensphasen enthält. In verschiedenen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass viele ältere Menschen trotz zunehmender körperlicher Einschränkungen und widriger Lebensumstände ein psychisch gutes Wohlbefinden haben. Dieses Phänomen ist als sogenanntes Paradox des Wohlbefindens im Alter bekannt. Darin liegt auch das Potenzial der Psychotherapie im Alter, denn all diese Menschen regulieren ihr Wohlbefinden erfolgreich, und dies kann auch über Psychotherapie gelernt werden. Dies macht Psychotherapie im Alter sinnvoll.

Ab dem Rentenalter treten viele altersspezifische Belastungssituationen auf. Der Austritt aus dem Arbeitsleben erfordert eine grosse Anpassungsleistung, die nicht immer gleich gut gelingt. Die berufliche Rolle und damit auch viel Routine geht verloren, und der Alltag muss neu gestaltet werden. Die soziale Rolle verändert sich, es kommt allenfalls zu einem Statusverlust, und dieser muss kompensiert oder verarbeitet werden. Zudem verändern sich auch die sozialen Rollen im Umfeld. Die Rolle im häuslichen Umfeld und damit in der Familie, aber auch in der Partnerschaft muss adaptiert werden. Mit zunehmendem Alter versterben immer mehr Familienangehörige und Freunde, das soziale Netz wird dünner. Dies konfrontiert ältere Menschen immer mehr mit ihrem eigenen Tod. Es kann vorkommen, dass unverarbeitete Traumata aus früheren Zeiten hervorbrechen, insbesondere wenn bisherige Kompensationsmöglichkeiten plötzlich wegfallen. Der Abbau körperlicher Funktionen und zunehmende Einschränkungen durch Hörverlust, Sehschwäche und Gehschwierigkeiten schränken die Teilnahme am sozialen Leben ein. Zuletzt gibt es auch eine Reihe an altersspezifischen psychischen Erkrankungen, wie zum Beispiel die Demenz. Ältere Menschen müssen auch hier viel Anpassungsleistung erbringen.

Eine Psychotherapie unterstützt bei der Bewältigung der genannten Belastungen. Zudem soll die Lebensqualität so gut wie möglich erhalten bleiben. Weiter sollen Verschlechterungen, zum Beispiel durch eine Demenz, verlangsamt werden. Das Alter der betroffenen Person wird in der Psychotherapie berücksichtigt.

Besonderheiten der Psychotherapie im Alter
Die Herausforderungen des höheren Lebensalters werden in der Psychotherapie spezifisch berücksichtigt. In der Therapie muss auf ein Gesprächsthema fokussiert werden, es ist ein langsameres Vorgehen angebracht als bei jüngeren Erwachsenen, mit der Präsentation von Instruktionen möglichst in verschiedenen Sinnesmodalitäten. Es kommen Gedächtnishilfen zum Einsatz, die Therapiesitzungen sind allenfalls verkürzt, finden dafür öfter statt, die Einstellung zur Therapie muss explizit überprüft werden, das Setting muss an die Therapieziele und die interdisziplinäre Vernetzung mit anderen Ärzten oder Betreuungspersonen angepasst werden. Die mit dem Alter zunehmenden körperlichen Beschwerden und Einschränkungen sind von grosser Bedeutung und werden in der Psychotherapie als individuelle Belastungsfaktoren berücksichtigt. Vor allem können sie ein Grund für soziale Isolation oder Rückzug sein, was auf jeden Fall in die Problemlösung mit einbezogen werden muss. Weiter gilt es, die besonderen historischen Erfahrungen zu berücksichtigen. Je nach Kohorte und Gebiet haben die betroffenen Personen Krieg oder andere traumatische Ereignisse erlebt. Diese spielen in der individuellen Lebensgeschichte eine grosse Rolle und können bis ins Alter Probleme verursachen.

Ein weiterer Faktor sind die psychosozialen Aufgaben, die veränderte Rolle in der Familie, in den Interessen und Beziehungen. Mit dem Älterwerden kommt die Erkenntnis, von jüngeren Generationen überholt zu werden. Dies ist insbesondere schwierig für Individuen, die ihren Selbstwert auf Stärke und Schnelligkeit gestützt haben. Weiter bewegen sich ältere Personen innerhalb von relativen starren Rollenerwartungen. Insbesondere in Bezug auf Sexualität und Beziehungen sind diese Rollenerwartungen konservativ. Das jüngere Umfeld hat unter Umständen Mühe damit, wenn jemand zum Beispiel nach dem Tod des Partners nach einer neuen Beziehung sucht.

Formen der Psychotherapie
Bei älteren Patienten kommen dieselben störungsspezifischen Psychotherapieverfahren zum Einsatz wie im jüngeren Lebensalter. Besonders bewähren sich kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze und die Interpersonelle Psychotherapie. Die Psychoedukation, das heisst die Erarbeitung eines individuellen Krankheitsmodells, spielt bei allen Interventionen eine wichtige Rolle. Die Kognitive Verhaltenstherapie setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Der kognitive Teil bezeichnet die Reflektion des Patienten über Gedanken, Gefühle, Einstellungen, Situationen und Erwartungen. Im Verhaltensteil sollen maladaptive Verhaltensweisen verändert werden. Häufig kommt ein Wochenplan/Protokoll zum Einsatz, um einen Eindruck von der Stimmung und den Beschäftigungen während der Woche zu bekommen. Anhand dieser Angaben kann der Therapeut besser einschätzen, wie die Therapie verläuft und wo allenfalls noch Veränderungsbedarf besteht. Die Interpersonelle Psychotherapie ist als eine Kurzzeittherapie für einen eng begrenzten Zeitraum konzipiert. Der Therapeut unterstützt den Patienten bei einem aktuellen Problem oder einer Belastung. Dabei lernt der Patient, Belastungen und Probleme selbst zu bewältigen, sowie seine Gefühle im Zusammenhang mit der Belastungssituation zu verbalisieren und mit diesen umzugehen.

Weiter seit Jahren bewährt haben sich Lebensrückblicksinterventionen, dies insbesondere im Zusammenhang mit Depression, komplizierter Trauer oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Lebensrückblicksinterventionen sind psychotherapeutische Interventionen, die sich teilweise stark unterscheiden, d.h. insbesondere unterschiedlich stark strukturiert sein können. Ziel dieser Interventionen sind beispielsweise eine ausgewogene Betrachtung von positiven und negativen Erinnerungen aus dem Leben, auch negativen Ereignissen einen Sinn geben zu können und allfällige traumatische Erinnerungen in eine erzählbare Geschichte zu bringen.

Bei allen Ansätzen spielt die Akzeptanz unveränderbarer Gegebenheiten eine wichtige Rolle.

Die Bedeutung der sozialen Unterstützung
Wie in allen Altersgruppen kommt der sozialen Unterstützung auch bei älteren Menschen eine wichtige Rolle zu. Ältere Menschen brauchen vermehrt Unterstützung im Alltag, beispielsweise bei der Reinigung der Wohnung oder der Zubereitung von Essen. Zudem kann das soziale Umfeld wie zum Beispiel die Familie auch bei der Integration in einen sozialen Kreis, wie zum Beispiel eine Seniorengruppe, unterstützen. Es ist wichtig, dass sich betroffene Personen von ihrem Umfeld ernst genommen und unterstützt fühlen. Durch die vermehrten Verlusterfahrungen im Alter haben soziale Kontakte eine besondere Bedeutung, und der Kontakt zur Familie und Verwandtschaft gibt Halt im Alltag.

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